oder die Kunst zu verzichten

Mit der digitalen Revolution in der Welt der Fotografie ist die Anzahl der täglich aufgenommenen Bilder exponentiell gewachsen. Weltweit werden rund 2 Milliarden Bilder pro Tag aufgenommen, während die analoge Fotografie zusehends an Bedeutung verliert. Durch die Vorteile des Digitalen widmen sich mehr Menschen denn je der Fotografie. Denn im Gegensatz zu analogen Zeiten haben die modernen Digitalkameras einen Riesenvorteil: Man sieht sofort, was aus dem Bild geworden ist. Als vor vielen Jahren Polaroid den Sofortbildfilm auf den Markt brachte, war das damals schon revolutionär. Trotz der vergleichsweise hohen Kosten und der eingeschränkten Möglichkeiten des Polaroid-Systems waren die Menschen begeistert. Denn sie mussten nicht mehr die Entwicklung und Ausbelichtung ihrer Filme abwarten, um das Ergebnis ihrer fotografischen Bemühungen in Augenschein nehmen zu können.
Damals…
Dabei sollte man auch nicht vergessen, dass damals das Verhältnis der geschossenen guten Fotos zu den schlechten sehr zu Ungunsten der meisten Fotografen ausfiel. Denn auch wenn das Bedienen eines Fotoapparates früher gewiss einfacher war als heute, so waren die Auswirkungen der (Fehl-)Bedienung leider erst zu erkennen, wenn der Film aus dem Labor zurückkam. Das hat zusammen mit den Hürden beim Erlernen des Fotografierens viele genau davon abgehalten. Fotografieren war zudem eine Geldfrage. Denn Filme waren nicht günstig, die Entwicklung derselben ebenso wenig. Und wenn dann von 36 Bildern nur 10 wirklich etwas wurden, waren doch etliche Mark in den Sand gesetzt.
…und Heute
Heute ist das anders. Entwicklung gibt es nur noch virtuell, Kosten produzieren höchstens die Unmengen an privaten Bildern, denen man mit immer größeren Festplatten Herr werden muss. Ausbelichtet, im Sinne von ausgedruckt, wird nur ein Bruchteil des gesammelten Materials und die größte Herausforderung ist die Archivierung oder auch nur Organisation des Bildbestandes. Und dennoch: Früher war das Fotografieren einfacher. Durch manuelle Verstellung von Blende und Belichtungszeit musste man den Belichtungsmesser irgendwie in der Mitte halten, scharfstellen, den Auslöser drücken und mittels Spannhebel den Verschluss wieder spannen und den Film in die nächste Bildposition bringen. Fertig.
Die Digitalkamera von heute versetzt einen hingegen in die zweifelhafte Lage, aus einer Vielzahl von Automatismen, Motivprogrammen und Individualeinstellungen zu wählen: Spotmessung, mittenbetonte oder Integralmessung. Zeit-, Blenden- oder Vollautomatik. Motivprogramm für Sport, Landschaft, Makro oder Blitz. Schwarzweiß, Farbe oder Sepia. Intelligente ISO-Automatik oder, das Highlight aktueller Ingenieurskunst, die Gesichtserkennungsautomatik. Die Qual der Wahl ist so immens, dass man als Besitzer einer aktuellen Kamera quasi genötigt ist, vor dem ersten Bild die meist umfangreiche Bedienungsanleitung der Kamera zu konsultieren. Statt um das Motiv, muss man sich mehr um die erfolgreiche Bedienung der Kamera kümmern.
Einiges bleibt
Auch wenn die Technik weit fortgeschritten ist, gibt es immer noch einige Konstanten, die weiterhin analog wie digital gelten. So gibt es immer noch eine ideale Belichtung, die aus Blende und Belichtungszeit (in Abhängigkeit von der Film-/Sensorempfindlichkeit) resultiert. Den Rest eines gelungenen Bildes macht das Motiv aus bzw. eigentlich der Fotograf, der selbiges sieht und festhalten kann, egal, ob analog oder digital.
Dieser Umstand jedoch gerät angesichts der milliardenschweren Marketing- und PR-Maschinerie der großen Kamerahersteller immer mehr in Vergessenheit. Diese werden nicht müde, jede neue Kamerageneration als die Beste zu lobpreisen und zu versprechen, dass damit wie von Geisterhand die schönsten Bilder entstehen. Aber nicht die Kamera macht das Bild, sondern der Fotograf.
Der lomographische Ursprung
Nun könnte man sogar behaupten, dass moderne Kameras ihre Bediener derart bevormunden, dass dieser Aspekt gänzlich ins Hintertreffen gerät. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass mancher sich zu den guten alten Kameras zurücksehnt, deren Einfachheit in Mechanik, Optik und Bedienung überzeugen konnten. Die Lomographische Gesellschaft trägt diesem Trend Rechnung. 1991 entdeckten einige Wiener Studenten bei einem Pragbesuch in einem staubigen Fotogeschäft die Lomo LC-A, eine einfache Kleinbildautomatikkamera russischer Herkunft. Diese wurde seit 1983 von dem Unternehmen LOMO in St. Petersburg hergestellt, ebenso wie die doppel-äugige Mittelformatkamera Lubitel und viele weitere optische Produkte, die hauptsächlich für das russische Militär bestimmt waren.
Die LC-A zeichnete sich durch eine simple Zeit-/Blendenautomatik aus, einstellbare Blende von f2.8 bis f16 und ein inzwischen legendäres Minitar-Objektiv mit Brennweite 32mm. Diese Kamera war selbst damals schon ein Musterbeispiel für eine einfach zu bedienende Kamera. Da die Studenten der Kamera bzw. der Art, damit zu fotografieren, und den belichteten Resultaten verfielen, gründeten sie die Lomographische Gesellschaft, die sich der Verbreitung dieser Fotografie verschrieb. Inzwischen sind sie sogar die offiziellen Hersteller dieser und artverwandter Kameras und haben weltweit Millionen von Fans, die alle ebenfalls den Lomo-Weg der Fotografie eingeschlagen haben. Die LC-A ist dabei nur eine Kamera unter vielen Einfachstkameras. Andere sind die berühmte Holga oder auch die Diana, die erwähnte Lubitel und letztlich viele Kameras, deren Funktion auf das Wesentliche beschränkt ist. Denn auch der Dachbodenfund beim Großvater hat das Potenzial,
durch wenig Bedienungs- und Einstellungsaufwand das Fotografieren wieder auf den Fotografen und das Motiv zu fokussieren.
Allen Lomo-Kameras gemein ist die Verwendung von Film. Die einen bedienen sich des Kleinbildformats (LC-A, Diana Mini) oder des klassischen Mittelformat-Rollfilms (Diana, Holga, Lubitel). Dabei macht natürlich auch die Wahl des richtigen Films einen Teil des Ergebnisses aus. Für den klassischen Lomo-Look hat die Gesellschaft sogar eigene Filme entwickeln lassen, die die Charakteristika der Kameras noch betonen. Aber natürlich lassen sich alle Arten Film, ob SW, Infrarot, Farbpositiv oder -negativ verwenden. Der Spieltrieb der Lomographen und die rudimentäre Bedienung entwickelte ganz neue Techniken oder holte bereits Vergessenes wieder aus der Versenkung. So ist bei der Lomographie die bewusste Mehrfachbelichtung genauso häufig zu finden wie die Farbverfälschung durch farbiges Anblitzen des Motivs. Auch bei der Entwicklung der Filme wird häufig experimentiert, wie z.B. das Cross-Entwickeln. Dabei wird ein Farbnegativfilm wie ein Farbpositiv-/Diafilm entwickelt, was zu surrealistischen Farben und Kontrasten führt.
Lomo ist anders
Auch wenn Lomo häufig gleichgesetzt wird mit schrillen Farben, wahnsinnigen Kontrasten und starker Vignettierung, also Abschattungen an den Rändern und in den Ecken, was hauptsächlich den einfachen Optiken zu verdanken ist, so kann gerade auch die weitere Reduktion auf Schwarzweißfilm die schlichte Eleganz der Bilder nähren. Denn im Gegensatz zu modernen Hochleistungsobjektiven mit 12 Linsen in 7 Gruppen, nanovergüteten Glasoberflächen etc. ist in den einfachsten
Kameras eine Plastiklinse im Einsatz. Insgesamt muten die Kameras eher wie Spielzeugkameras an, sind sie doch fast alle aus billigem Plastik gebaut, ehemals entwickelt und gefertigt für den russischen oder chinesischen Massenmarkt. Oder eben inzwischen für eine mit Begeisterung wachsende Gemeinschaft von Puristen und Spaßfotografen, die sich die Leidenschaft für die Lichtmalerei nicht von hypermodernen Kameras nehmen lassen wollen.
Denn eines ist neben dem gewollt fehlenden Perfektionsanspruch ganz sicher: Leidenschaft und Spaß sind garantierte Begleiter, wenn man lomographisch unterwegs ist. Ob man nun zu den Experimentierfreudigen gehört oder zu den Schnappschießern: Die Ergebnisse werden mit ihrem Charme, dem abstrakten Farbspiel, den besonderen Kontrasten jedes digitale, perfekt scharfe und ideal belichtete Bild ausstechen.
Selbst ist der Fotolaborant
Das Nonplusultra an analoger Fotografie-Erfahrung erhält man, wenn man die belichteten Filme auch noch selbst entwickelt. Das muss man aber auch nicht, denn der Fotofachhandel ist immer noch ein guter Partner für die Jünger des analogen Bildes und hilft nicht nur beim Beschaffen von Verbrauchsmaterialien, sondern auch bei der Entwicklung oder Ausbelichtung. Aber man kann es zumindest mal probieren. Die notwendigen Utensilien für eine einfache Schwarzweiß-Entwicklung kosten nicht mehr als das, was die nächste Festplatte auch kosten würde, und es braucht dafür wahrlich keine Dunkelkammer. Die heimische Küche mit Spülbecken und fließend Wasser sind für den Anfang ausreichend. Mancher, der früher zwangsläufig Filme selbst entwickelte, wird mit einem gewissen zeitlichen Abstand inzwischen zustimmen, dass es schon ein erhebendes Gefühl ist, seinen selbst belichteten und entwickelten Filmstreifen in Händen und prüfend gegen die nächstbeste Lichtquelle zu halten. Das Entwickeln von Farbfilmen ist da schon eine Ecke schärfer. Das Wissen um die Technik und die notwendige Genauigkeit beim Entwickeln steigen im Vergleich zu Schwarz-Weiß überproportional an.
Auch was die weitere Handhabung angeht, gibt es mehrere Wege, an ein ordentliches Bild zu kommen. Da nur wenige Menschen in der Lage sind, sich an einem Negativ zu erfreuen, bleibt die Möglichkeit des Scannens und Weiterverarbeitens am Computer oder das Ausbelichten zum Positiv, sprich Fotoabzug. Das kann man entweder wieder selbst erledigen (und das dann auch wirklich in der Dunkelkammer) oder dem freundlichen Fotofachhandel übergeben, der gerne Abzüge im Labor anfertigen lässt.
Und hier kommt dann wieder ein Nachteil ans Tageslicht, der früher wie heute der analogen Fotografie anhaftet: Günstig geht anders. Jeder Film, ob Kleinbild mit 36 Bildern oder Mittelformatrollfilm mit 12 Bildern, kostet um die 4 Euro. Die Entwicklung im Labor schlägt mit rund 3 Euro zu Buche, nur beim Selbstentwickeln lassen sich die Entwicklungskosten auf unter 1 Euro schrauben. Wenn man das alles grob addiert, ist bei leidenschaftlicher Betätigung schnell mit 10 Filmen im Monat, also 60 Euro zu rechnen. Andererseits, was weckt schon Leidenschaft, bereitet Freude und kostet nichts … nicht viel.
Lomo lässt nicht wieder los
Also, besorgen Sie sich ein paar Rollen Film, eine Kamera, die nichts von dem hat, was man Ihnen glauben macht, dass Sie es unbedingt bräuchten, und ziehen Sie los. Seien Sie experimentierfreudig, probieren Sie aus. Haben Sie Spaß und sagen Sie dann nicht irgendwann, Sie wären nicht gewarnt worden. Lomo kann Sie dauerhaft in den Bann ziehen.
C.S.
Die 10 goldenen Regeln der Lomographie:
1. Nimm deine Lomo überallhin mit.
2. Verwende sie zu jeder Tages-
und Nachtzeit.
3. Lomographie ist nicht Unterbrechung
deines Alltags, sondern ein integraler
Bestandteil desselben.
4. Übe den Schuss aus der Hüfte.
5. Nähere dich den Objekten deiner
lomographischen Begierde so weit
wie möglich.
6. Denke nicht.
7. Sei schnell.
8. Du musst nicht im Vorhinein wissen,
was auf deinem Film drauf ist.
9. Im Nachhinein auch nicht.
10. Kümmere dich nicht um irgendwelche
(goldenen) Regeln.
www.lomography.de

